Scham, die das Herz öffnet

Kommentar: In unserer Welt löscht die egoistische Natur sofort das Gefühl der Scham in uns aus, indem sie in den meisten Fällen eine Rechtfertigung für unser Verhalten findet: dass wir andere ausnutzen, stehlen oder uns etwas aneignen, das jemand anderem gehört. Oft sind wir uns gar nicht bewusst, dass wir egoistische Berechnungen anstellen—dass wir gegenüber anderen egoistisch handeln und die Welt nur aus der Perspektive unseres Vorteils beurteilen.
In diesem Zusammenhang empfinden wir kaum Scham. Doch wenn wir unsere Sensibilität für die Eigenschaft des Gebens und des Empfanges erhöhen würden, indem wir genau prüfen, wo wir wirklich geben und wo nur empfangen und nach welchem Prinzip wir die Welt wahrnehmen, dann würden wir vor brennender Scham erzittern.
Wenn wir die Eigenschaft des Gebens in ihrer ganzen Erhabenheit offenbaren würden und uns in unserer wahren Natur sehen könnten, nämlich als kleine, schwarze Käfer, die nur an die eigene Nahrung denken, danach streben, möglichst viel für sich selbst zu erhaschen, alles verschlingen, was ihnen begegnet—dann würde uns die Scham vor unserer eigenen Nichtigkeit in Bezug auf die wahre Barmherzigkeit verbrennen.
Es ist sogar beängstigend, sich vorzustellen, dass diese Offenbarung plötzlich vor aller Welt sichtbar werden könnte. Man könnte denken, was ist schon dabei? Schließlich sind wir nur Menschen, Geschöpfe, die aufgrund ihrer Natur handeln und es dagegen kein Mittel gibt. Dennoch wäre es uns äußerst unangenehm. Wir würden es vorziehen, zu sterben, als eine solche Schande zu erleben.
Es gibt kein größeres Leid als Scham, denn es liegt dem gesamten Verlangen nach Genuss zugrunde. Die erste Einschränkung wurde durch Scham geschaffen, da sie das menschliche Konzept auslöscht. Die vierte Stufe (Bina Dalet) erhebt sich, sobald sie Scham empfindet, da sie den Wunsch nach eigenständigen Entscheidungen repräsentiert. Scham ist das Gegenteil dieses Gefühls; sie hebt die menschliche Persönlichkeit auf.
Wir sprechen hier von unserem gegenwärtigen Zustand, in dem es noch keine menschliche Stufe gibt, sondern nur eine tierische Stufe, auf der wir nicht einmal für unsere eigenen Taten verantwortlich sind. Alle unsere Eigenschaften haben wir vom Höheren, vom Schöpfer erhalten- daher richtet man alle Vorwürfe an den Schöpfer, der dieses Geschöpf erschaffen hat. Doch wenn wir beginnen, die Eigenschaft des Gebens zu offenbaren- den Schöpfer und uns im Vergleich zu Ihm bewerten, offenbart sich zwischen uns eine so große Kluft, wie wir sie nie für möglich gehalten hätten.
Scham besitzt eine enorme Kraft und nur durch sie haben wir die Möglichkeit, gegen unser Ego anzukämpfen und uns zu korrigieren. Ähnlich wie in der Welt der Unendlichkeit, in der Malchut unter dem Druck der Scham alles aufgab. Diese Scham existierte nicht, weil sie empfing- im Gegensatz zum Schöpfer- sie sich ihrer Eigenschaften schämte, sondern weil sie nicht in der Lage war, zu geben und zu schenken, wie Er. Das ist eine ganz andere Art von Scham- die Scham auf dem Weg zur vollständigen Korrektur in Bezug auf uns.
Unsere Scham offenbaren wir allmählich, Schritt für Schritt. Zunächst schämen wir uns, wenn wir beim Stehlen erwischt werden oder wenn wir andere ausnutzen und ihnen Schaden zufügen. Das Bewusstwerden dieses Schamgefühls hilft uns, die richtige Haltung einzunehmen, damit wir uns nicht mehr wie ein feiges Tier verstecken, das Angst hat, bloßgestellt zu werden. Im Gegenteil: Wir sollten bereit sein, all unser Böses zu offenbaren und uns selbst zu beschämen, um daraus Kraft zu schöpfen, unser Ego zu überwinden und einen “Anti-Ego-Schirm” zu erbitten.
Der Schirm ist nicht dazu da, die Scham zu unterdrücken, sondern um die Eigenschaften vom Empfangenden zum Gebenden zu verändern. Solange dies nicht geschieht, ist der Mensch bereit, die Scham zu ertragen, denn nur sie öffnet sein Herz und lässt die ganze Wahrheit ans Licht treten.
Deshalb ist die Verschmelzung mit der Scham untrennbar mit der Korrektur verbunden. Der Mensch sollte keine Angst vor Scham haben, sondern versuchen, sie besser zu spüren und zu verstehen. Das Wichtigste ist, darüber hinauszuwachsen, um mit dieser Eigenschaft zu arbeiten, denn sie führt uns letztlich zur vollständigen Korrektur.
[103035]
Aus dem Unterricht zu „Die Gabe der Tora“






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